31
Aug
2015

"High Impact Weather" oder: Es steppt der Bär am Mittelmeer!

Was für ein Timing! Am morgigen Dienstag beginnt für die Meteorologen auf der Nordhalbkugel der Herbst und das Wetter scheint das wohl mitbekommen zu haben. Denn pünktlich zum Herbststart setzt sich wieder deutlich kühlere Luft in Deutschland durch. Manch einer wird das sicherlich begrüßen, manch einer sich aber vielleicht auch die Hitze zurück wünschen. Doch wie dem auch sei, in den Küstenregionen des westlichen Mittelmeeres blicken derzeit vermutlich einige Menschen mit Sorge auf das Jahreszeitenkarussell.

Speziell zwischen September und November kommt es nämlich im westlichen Mittelmeerraum von der Iberischen Halbinsel bis Italien vermehrt zur Bildung von Tiefdruckgebieten, auch Zyklogenese genannt, mit nachfolgenden Starkniederschlägen. Ein wichtiger Grund für dieses Phänomen ist die Wasseroberflächentemperatur des Mittelmeers, die sich nur ganz langsam abkühlt und somit in diesem Zeitraum immer noch sehr warm ist. Selbst im Oktober liegt die mittlere Wassertemperatur dort meist noch über der 20 Grad Marke.

Obwohl diese Tiefdruckgebiete meist weder großräumig sind, noch einen niedrigen Kerndruck besitzen, verursachen einige von ihnen trotzdem immer wieder hohe Niederschlagsmengen. Vor allem vom Küstenbogen Spaniens über Südfrankreich bis nach Italien und in den dahinter liegenden Alpenregionen sind dann Tageswerte von bis zu 300 l/qm nicht gerade selten. Hervorzuheben ist allerdings ein Starkregenereignis in Vicomorasso in der Nähe von Genua im November 2011. Dort kam innerhalb von 24 Stunden (4.11. bis 5.11.) eine unglaubliche Regenmenge von 465 l/qm zusammen!

Verbunden mit diesen enormen Niederschlägen sind unweigerlich Überflutungen und Erdrutsche. In der Folge kommt es in diesen Regionen und in diesem Zeitraum immer wieder zu verheerenden Schäden, Verletzten und Toten. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom so genannten "High Impact Weather" (HIW; frei übersetzt: "Wettersysteme mit hohem Schadenspotenzial"). Die Begründung dieser enormen Wassermengen liegt vor allem in einer nur langsamen bis sehr langsamen Zuggeschwindigkeit der Tiefdruckgebiete und somit auch der mit ihnen verbundenen Niederschläge. Natürlich spielt aber auch die Orografie hierbei eine entscheidende Rolle, wie zum Beispiel Staueffekte an den Alpen oder den Apenninen.

Die Beantwortung der Fragen wann, wo und warum manche Tiefdruckgebiete HIW verursachen, während andere dies nicht tun, ist Gegenstand gegenwärtiger Forschungsprojekte. Aufgrund ihrer komplexen dynamischen Struktur und Entwicklung sind HIW-verursachende Tiefs nur sehr schwierig vorherzusagen. Zudem gibt es eine Vielzahl an Faktoren bezüglich ihrer Entstehung, Entwicklung und Vorhersage, die bisher noch nicht ausreichend untersucht und damit verbunden auch nur zu einem geringen Grad verstanden wurden. Ziel der Forschung in diesem Bereich ist es, die Vorhersage von HIW zu verbessern, um vor allem die Anzahl an mit HIW verbundenen Verletzten und Todesfällen so weit wie möglich zu reduzieren.

Heute zeigt sich das Wetter im westlichen Mittelmeerraum allerdings noch meist von seiner ruhigen Seite. Im Laufe der Woche nimmt der Tiefdruckeinfluss dort allerdings zu, sodass die Gefahr vor zum Teil kräftigen Schauern und Gewittern allmählich ansteigt.

Dipl.-Met. Tobias Reinartz
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 31.08.2015

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