11
Sep
2015

Nässe ohne Regen?

Wen es schon früh morgens aus dem Bett treibt um sportlich aktiv zu werden oder um einen Morgenspaziergang durch die Natur zu unternehmen, sollte sich in der jetzt schon relativ fortgeschrittenen Jahreszeit für wasserdichtes Schuhwerk entscheiden. Obwohl zuvor kein Niederschlag fiel, sind Wiesen und Feldwege nass. Verantwortlich dafür ist die nächtliche Taubildung, die nun im Folgenden näher erläutert wird. Der in der Luft maximal mögliche Wasserdampfgehalt hängt von der Lufttemperatur ab. Dabei gilt: je höher die Temperatur, desto mehr Wasserdampf kann die Luft aufnehmen. Kühlt sich die Luft jedoch ab, wobei der absolute Feuchtegehalt in der Luft erhalten bleibt, erreicht sie bei einer bestimmten Temperatur Wasserdampfsättigung. Einfacher gesagt, die in der Luft enthaltene Feuchtigkeit beträgt 100

Prozent. Diejenige Temperatur, bei der Sättigung eintritt, wird auch als "Taupunkttemperatur" bezeichnet. Physikalisch gesehen herrscht ein Gleichgewicht zwischen Verdunstung (Übergang von flüssig zu gasförmig) und Kondensation (Übergang von gasförmig zu flüssig). Sinkt nun die Temperatur z. B. in unmittelbarer Erdbodennähe unter den Taupunkt, wird die Sättigung von 100 Prozent kurzzeitig überschritten, wodurch die überschüssige Feuchtigkeit von der Umgebungsluft nicht mehr aufgenommen werden kann. Somit kommt es zum Übergang vom gasförmigen in den flüssigen Zustand des Wasserdampfs (Kondensation), der sich anschließend an Gegenständen in Form von kleinsten Wassertröpfchen niederschlägt. Diese Feuchteablagerung wird als "Tau" bezeichnet. Bilden sich die Wassertröpfchen durch Kondensation nicht an Oberflächen, sondern in der Luft, so spricht man von Dunst oder Nebel. Wann genau tritt dieses Phänomen der Taubildung auf? Damit die Lufttemperatur am Erdboden bzw. in den untersten Luftschichten unter die Taupunkttemperatur sinkt, muss dort eine starke Wärmeausstrahlung (Wärmeabgabe) stattfinden. Diese tritt in besonderem Maße ein, wenn in der Nacht die tagsüber aufgenommene Wärmeenergie bei wolkenlosem Himmel wieder nahezu ungehindert in höhere Atmosphärenschichten bzw. ins Weltall abgegeben werden kann. Dabei ist Windstille von großem Vorteil, da dadurch der Nachschub an wärmerer Luft in den bodennahen Luftschichten oder durch vertikale Umlagerungen ausbleibt und infolgedessen die Auskühlung nicht unterbunden wird. Der Höhepunkt der nächtlichen Auskühlung wird bei klarem Himmel um die Zeit des Sonnenaufgangs herum erreicht. Dies ist zugleich häufig der Zeitpunkt, an dem die nächtliche Temperatur ihr Minimum erreicht. Diese Art der Taubildung wird in der Meteorologie auch als "Strahlungstau" bezeichnet. Eine andere Form der Tauentstehung ist der "Advektionstau". Zu Advektionstau kommt es, wenn nach einer Phase kühleren Wetters feuchtwarme Luft herangeführt wird, deren Taupunkt oberhalb der Temperatur der umströmten Gegenstände liegt. Dies führt in direkter Umgebung der Gegenstände zur Feuchtesättigung und zur Kondensation des Wasserdampfs. Die Intensität von Advektionstau kann beachtlich sein, weil die Feuchteübersättigung wesentlich stärker ausfällt als bei Strahlungstau. Wenn in der jetzigen Jahreszeit die Nächte wieder länger werden, ist der Zeitraum der nächtlichen Auskühlung häufig ausreichend um den Taupunkt zu erreichen. Somit sind trockene Wiesen und Wege am frühen Morgen eher die Ausnahme, obwohl kein Tropfen Regen gefallen ist.

M.Sc.-Met. Andreas Würtz
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 11.09.2015

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