29
Sep
2015

Rollende Wolken - die "Morning Glory Cloud"

Aktuell liegt Deutschland im Einflussbereich von "NETTI", einem über weite Teile Europas recht ausgedehnten Hoch mit Schwerpunkt über Dänemark und Südschweden. Entsprechend ruhig gestaltet sich auch das hiesige Wettergeschehen. Es bleibt also etwas Zeit, einmal über den Tellerrand Deutschlands hinauszuschauen. Denn auch am anderen Ende der Erde, oder wie man so schön sagt "Down Under", gibt es spannende, meteorologische Phänomene.

In Australien - genauer gesagt im nordaustralischen Golf von Carpentaria - tritt hauptsächlich zur Frühlingszeit auf der Südhalbkugel (also in "unserem" Herbst) von September bis November ein spektakuläres Phänomen auf, das als "Morning Glory Cloud" bezeichnet wird. Dabei handelt es sich meteorologisch gesehen um eine äußerst interessante, nicht allzu häufig anzutreffende Wolkenform, die auch als "roll cloud" bezeichnet wird und eine spezielle Form einer Böenwalze darstellt. Aber nicht nur Wissenschaftler sind an der Erforschung dieser Wolke interessiert. Unter Drachen- und Segelfliegern wird es zunehmend ein Sport, auf dieser faszinierenden Wolke zu "surfen". Zudem fand am vergangenen Wochenende (25. und 26.09.2015) das alljährliche Morning Glory Festival zu Ehren des einzigartigen Phänomens in der Kleinstadt Burketown (Australien) statt.

Den Namen hat die Morning Glory Cloud ursprünglich durch ihre Ankunftszeit an der Küste in Queensland (Bundesstaat in Australien) erhalten. In der Morgendämmerung nähert sich die tiefe, walzenförmige und langsam um ihre horizontale Achse rotierende Wolke mit einer Geschwindigkeit von bis zu 60 km/h an. Insgesamt kann sie sich über eine Länge von mehreren Hundert Kilometern erstrecken und ist nur wenige Kilometer hoch und breit. Bei günstigen Bedingungen können auch mehrere dieser Wolkenschlangen in einer regelmäßigen Anordnung hintereinander gesichtet werden. Ein Beispiel hierfür zeigt die Luftaufnahme einer Morning Glory Cloud zwischen Burketown und Normanton in Queensland (Australien) unter www.dwd.de/tagesthema (linke Grafik; Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Morning_Glory_cloud).

Die Entstehung dieser exotischen Wolke ist bislang noch nicht ganz verstanden und aktuell noch Gegenstand der Forschung. Eine der Theorien geht davon aus, dass die Land-Seewind-Interaktion auf der Kap-York-Halbinsel (siehe markierter Bereich in der rechten Grafik unter www.dwd.de/tagesthema) am Abend vor dem Auftreten der "Glory" eine bedeutende Rolle bei der Entstehung spielt. Über Land werden dort die Luftmassen tagsüber stark erwärmt und steigen auf. Von beiden Seiten der Halbinsel fließt dann kühlere Meeresluft von der See zum Ausgleich nach. Die so aufeinandertreffenden Seewinde müssen dann ebenfalls in die Höhe ausweichen und erzeugen eine Konvergenz (siehe www.dwd.de/lexikon), die als große, turbulente Welle in einer östlichen bis nordöstlichen Strömung in der Nacht Kurs über den Golf von Carpentaria nimmt. Diese Welle kann man sich wie eine Wasserwelle mit einer geraden Kammlinie vorstellen, nur eben aus Luft. Das Besondere an dieser speziellen Welle ist nun, dass sie sich recht stabil über große Distanzen ohne Änderung ihrer Form fortsetzen kann.

An der Frontseite der Welle kommt es zu Aufwinden, mit denen die Luftmassen zum Aufsteigen gezwungen werden, im hinteren Bereich sinkt die Luft hingegen wieder ab. Ist die untere Luftschicht im Golf von Carpentaria nun sehr feucht und durch die nächtliche Ausstrahlung gegen Morgen auch ausreichend abgekühlt, kann der Wasserdampf in der Luft am Scheitel der Welle kondensieren, wodurch die charakteristische Wolke entsteht.

Die Morning Glory Cloud bildet sich aber nicht nur im Golf von Carpentaria. Es gibt weitere Beobachtungen auf dem ganzen Erdball. Allerdings ist der Australische Golf bisher der einzig bekannte Ort, an dem diese faszinierende Wolkenform einigermaßen regelmäßig auftritt und somit gut wissenschaftlich beobachtet und untersucht werden kann. Falls Sie sich also in der nächsten Zeit im australischen Queensland aufhalten sollten, haben Sie ein Auge auf den Wetterbericht und lassen Sie sich dieses wunderschöne Naturschauspiel nicht entgehen!

M.Sc.-Met. Sebastian Schappert
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 29.09.2015

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