24
Oct
2015

"Bunt sind schon die Wälder"

Mit den Worten "Bunt sind schon die Wälder" beginnt ein auch unter dem Namen "Herbstlied" bekanntes Volkslied, das vom Schweizer Dichter Johann Gaudenz von Salis-Seewis geschrieben und 1782 veröffentlicht wurde. In Deutschlands Wäldern weicht das sommerliche Grün mittlerweile vielerorts einem herbstlichen Gelb, Rot oder Braun, mancherorts sind einige Baumarten sogar schon kahl. Wie aber geht die Laubverfärbung genau vonstatten? Wann beginnt sich das Laub üblicherweise zu verfärben und von den Ästen zu fallen?

Mit abnehmender Länge des lichten Tages und sinkenden Temperaturen im Herbst leiten die Laubbäume in unseren Gefilden aktiv die Verfärbung und schließlich den Abwurf der Blätter ein. Damit verhindern sie den Wasserverlust durch Verdunstung. Im Winter können die Bäume über ihre Wurzeln nämlich immer weniger bzw. bei gefrorenem Boden gar kein Wasser mehr aufnehmen. Die Verfärbung geschieht, indem Eiche, Ahorn und Co. die in den Blättern enthaltenen Proteine abbauen und Nährstoffe wie Phosphat und Stickstoff im Speichergewebe des Holzes bis zur nächsten Vegetationsperiode zwischenlagern. Das gilt allerdings nicht für die Blattfarbstoffe: Der grüne Farbstoff - das Chlorophyll - wird zu farblosen Formen umgebaut und in den Zellorganellen angereichert, sodass auch die chlorophyllhaltigen, an der Photosynthese beteiligten Proteine abgebaut werden können. Durch das Verschwinden der grünen Bestandteile wird der Blick auf die gelblich-roten Carotinoide frei, wobei die "Logistik" der Stoffverlagerung im Blatt oft gut erkennbar ist. So können die peripheren Bereiche eines Blattes schon in den typisch herbstlichen Farben erscheinen, während sich das Grün an den Blattnerven am längsten hält. Bei einigen Baumarten tritt sogar eine kräftige Rotfärbung auf. Dafür ist hauptsächlich der beispielsweise auch in Brombeeren enthaltene Farbstoff Anthocyan verantwortlich, der unter Energieaufwand neu synthetisiert werden muss. Zudem werden zusätzliche Carotinoide hergestellt. Sinn und Zweck dieser Maßnahme sind noch nicht endgültig erforscht. Möglicherweise sollen durch die kräftige Färbung Insekten von der Eiablage abgeschreckt werden. Schließlich verkorkt sich zwischen Baum und Laub eine Schicht, sodass die Blätter nicht mehr versorgt werden können und abfallen.

Blattverfärbung und -fall stellen Ereignisse dar, über die die sogenannten phänologischen Jahreszeiten definiert sind. Die Phänologie untersucht die Entwicklungen von Pflanzen und Tieren im Jahresablauf, indem sie die Eintrittszeiten auffälliger Erscheinungen (wie zum Beispiel Blüte oder Blattverfärbung bzw. Tierwanderungen) notiert. Sie erforscht auch die Zusammenhänge zwischen der biologischen Rhythmik und den Umwelteinflüssen, insbesondere den Witterungs- und Klimaverhältnissen. Blattverfärbung und Blattfall der Stiel-Eiche gelten als sogenannte Leitphasen der phänologischen Jahreszeiten "Spätherbst" bzw. "Winter". Im Spätherbst werfen zudem die Eberesche und viele andere Bäume ihr Laub ab.

Wie man anhand der Grafik auf http://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2015/10/24.html sehen kann, beginnt der Spätherbst statistisch gesehen am 16. Oktober (Mittelwert des Bezugszeitraums 1981-2010). Besonders früh begann dieser im Jahr 1953, nämlich bereits am 6. Oktober. Hingegen verfärbten sich im Jahr 2006 im deutschlandweiten Mittel erst am 22. Oktober die Blätter der Stiel-Eiche. In den letzten vier Jahren wurde die Blattverfärbung im Mittel am 18. Oktober beobachtet. Im aktuellen Jahr hängt die Natur in ihrer Entwicklung im Vergleich zu den vier Vorjahren etwa fünf Tage hinterher. Grund dafür könnte sein, dass bisher längere Perioden mit Nachtfrost, die eine Laubverfärbung begünstigen, fehlten.

Durchschnittlich 19 Tage nach dem Beginn der Blattverfärbung - nämlich am 4. November - lässt die Stiel-Eiche schließlich auch ihre Blätter fallen. Damit beginnt aus phänologischer Sicht der Winter. Im phänologischen Beobachtungsnetzwerk wurde diese Leitphase bisher schon an 16 Orten gemeldet. In den nächsten Tagen und Wochen wird sich die Zahl aber noch deutlich vergrößern.

Über den aktuellen Stand der phänologischen Entwicklung können Sie sich stets auf unserer neuen Website unter http://www.dwd.de/DE/leistungen/phaeno_sta/phaenosta.html informieren.

M.Sc. Met. Stefan Bach
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 24.10.2015

© Deutscher Wetterdienst