01
Dec
2015

Die Sturmtiefs Nils und Oscar holen die letzten Blätter von den

Bäumen und lassen die Flusspegel steigen! Die Serie um die Sturmtiefs Nils I und II sowie Oscar und Philipp beendeten das Winterintermezzo schlagartig und läuteten erneut eine milde West- bis Südwestlage ein. Schon am gestrigen Montag stiegen die Temperaturen landesweit wieder auf 6 bis 13 Grad an. Der vorläufige Höhepunkt soll am heutigen Dienstag, dem 1. Dezember 2015 und meteorologischen Winteranfang, mit Höchstwerten zwischen 7 und 15 Grad erreicht werden. Aber auch im weiteren Verlauf bleibt es für die Jahreszeit zu warm. Für den kommenden Sonntag deuten die Wettermodelle einen neuerlichen Warmluftvorstoß aus südlichen Breiten an. Dabei sollen die Temperaturen bei erneut stürmischem Wind auf 9 bis 16 Grad steigen.

Verantwortlich für die deutlich zu milde Witterung zum meteorologischen Winteranfang und auch darüber hinaus ist eine ausgeprägte West- bis Südwestlage. Nachdem sich ein Randtief von Tief "Lauritz" am vergangenen Mittwoch langsam ins Mittelmeer verlagerte und schließlich abschnürte, konnte sich das Hoch "Waltraud" von Russland her nach Westen schieben und eine Hochdruckbrücke über Deutschland hinweg zum Azorenhoch schließen. Dies war die erneute Geburtsstunde einer zonalisierten, also von West nach Ost orientierten, Grundströmung, die sich zwischen tiefem Luftdruck von Neufundland bis nach Finnland und hohem Luftdruck von den Azoren bis ins östliche Mittelmeer einstellte. Mit dieser wurden im weiteren Verlauf wiederholt kleine, aber kräftige Randtiefs samt deren auch nach Deutschland ausgreifenden Ausläufern vom Atlantik über die Britischen Inseln hinweg ostwärts geführt.

Den Anfang machte dabei das Tief "Michel" am Freitag, dem 27. November. Zwar kam Michel noch nicht allzu weit nach Osten voran und bewegte sich stattdessen in Richtung Nordmeer. Dessen Tiefausläufer überquerten jedoch auch das Bundesgebiet und transportierten dabei schon deutliche mildere Atlantikluft nach Mitteleuropa und somit auch nach Deutschland.

Im weiteren Verlauf fungierte Tief "Michel" über dem Nordmeer zunehmend als steuerndes Tiefzentrum. Dem gegenüberstehend plusterte sich Hoch "Xena" über dem südeuropäischen Raum mit Schwerpunkt über der Iberischen Halbinsel weiter auf. Die westliche Strömung verstärkte sich und wurde zur Autobahn für die Sturmtiefs "Nils I und II" sowie "Oscar". Alle drei Sturmtiefs verlagerten sich rasch ostwärts. Vor allem Sturmtief Oscar dringt bis morgen weit nach Osteuropa bis hin zum Schwarzen Meer vor. Deutschland lag dabei auf deren Zugbahn und wurde komplett von den Sturmfeldern erfasst. Während "Nils" vor allem an den Küsten und im höheren Bergland in Orkanstärke wehte, fegte Oscar hauptsächlich über die mittleren und südlichen Regionen Deutschlands hinweg und sorgte dort verbreitet bis ins Tiefland für Sturmböen.

Die stärkste Böe infolge der beiden "Nils´" meldete die Station auf dem Brocken im Harz (SA) mit 158,4 km/h. Auch in der Südhälfte ragten die Windspitzen des höheren Berglandes heraus. Auf der Zugspitze (BY) und dem Weinbiet (RP) wurden Spitzenböen von 136, 8 km/h gemessen. Gefolgt vom Fichtelberg im Erzgebirge (SN) mit 133, 2 km/h. Interessanter sind jedoch die maximalen Böen im Küstenumfeld. Dort wurden auch verbreitet orkanartige Böen oder Orkanböen beobachtet. Mit einer Böe von 133,2 km/h kann sich die Insel Sylt mit der Station List (SH) durchaus mit den Bergspitzen messen. Auch auf der Hallig Hooge mit 127,8 km/h oder auf dem Leuchtturm Alte Weser mit 126 km/h stürmte Nils nur wenig schwächer. Direkt an der Nord- und Ostseeküste registrierten die Stationen maximale Windgeschwindigkeiten zwischen 100 und 125 km/h. Im Umfeld von kräftigen Schauern oder Gewittern, die auf einfließende Höhenkaltluft zurückzuführen waren und vor allem Norddeutschland überquerten, registrierten auch Messstationen landeinwärts einzelne orkanartige Böen. Beispielhaft ist diesbezüglich die Station Goldberg (MV) mit einer Böe von 109,4 km/h zu nennen.

Das Sturmtief "Oscar" wählte im Vergleich zu seinen Vorgängern Nils I und II eine südlichere Zugbahn von Benelux nach Brandenburg und weiter nach Osten. Damit frischte der Wind hauptsächlich in den mittleren und südlichen Gebieten des Landes erneut stürmisch auf. Da sich das Hauptsturmfeld jedoch im Warmsektor, also unter weitestgehend stabilen atmosphärischen Bedingungen, befand, wurden die höheren Windgeschwindigkeiten in größeren Höhen (~1500 m) durch die fehlende vertikale Durchmischung nicht zum Boden transportiert. Daher herrschte vor allem auf den Bergen erneut Orkanstärke, während in tieferen Lagen meist nur stürmische Böen oder Sturmböen gemessen wurden. Den Spitzenplatz belegte bei "Oscar" wieder der Brocken im Harz (SA) mit 133,2 km/h. Diesem folgten der Feldberg im Schwarzwald (BW) mit 129,6 km/h, der Fichtelberg im Erzgebirge mit 127,4 km/h und der Weinbiet (RP) mit 123,8 km/h. An der Nordsee- und Ostseeküste bewegten sich die maximalen Böen zwischen 85 und 110 km/h. Auch südlich der Donau sowie vom Aachener Raum bis ins Saarland fegte Oscar mit Böen zwischen 80 und 100 km/h mit voller Sturmstärke über das Land.

Neben dem Sturm führten die Tiefs aber auch länger anhaltenden und teils ergiebigen Regen nach Deutschland. Vor allem in der Mitte und im Süden fielen über einen Zeitraum von 48 Stunden bis Dienstagmorgen verbreitet 20 bis 50 Liter pro Quadratmeter, in Weststaulagen teils auch bis 100 Liter. Spitzenreiter war der Große Arber im Bayerischen Wald mit 138.4 l/qm. Gefolgt von Baiersbronn-Mitteltal im Schwarzwald (BW) mit 101,1 l/qm, dem Kahlen Asten im Rothaargebirge (NRW) mit 97,3 l/qm, Braunlage im Harz (NI) mit 93,9 l/qm, Meinerzhagen-Redlendorf (NRW) mit 93,5 l/qm und Lindberg-Buchenau (BY) mit 91,1 l/qm (vgl. Graphik).

Allgemein lassen sich die Stürme "Nils I und II" sowie "Oscar" nahtlos in die Riege der Sturmtiefs "Albert", "Binrasheed", "Frank", "ex-Kate" und "Heini" einordnen, die den November mit einer deutlich zu milden und zum Ende hin auch vielerorts überdurchschnittlich feuchten Witterung prägten.

Nach einer über das Jahr hinweg länger anhaltenden Trockenheit war der Regen vor allem in der zweiten Novemberhälfte in den meisten Regionen Deutschlands dringend nötig. Wie der Kollege Trippler im Thema des Tages vom 3. November bereits aufführte, waren seit Februar 2015 alle Monate im Vergleich zum vieljährigen Mittel zu trocken. Auch im Oktober fielen gerade einmal 79% des üblichen Niederschlags. Als Konsequenz der anhaltenden Trockenheit sanken die Flusspegel der meisten deutschen Flüsse zunehmend ab. Zum Novemberbeginn hatte beispielsweise in Köln der Rheinpegel mit weniger als 122 cm mittleres Niedrigwasser. Der Mittelwert des Wasserstandes liegt dort bei 321 cm. Ein ähnliches Bild zeigte sich auch an den weiteren größeren Flüssen wie der Elbe, der Donau, des Mains und des Neckars. Besonders von der Trockenheit betroffen waren die kleineren Nebenflüsse, die nur noch als Rinnsale daherkamen.

Doch die Sturmserien, vor allem in der zweiten Novemberhälfte, sorgten für Entspannung. Sie schraubten die Novemberniederschläge bezüglich des vieljährigen Mittels sogar verbreitet auf überdurchschnittliche Mengen. Zahlreiche Regionen warteten zum Monatsende sogar mit der doppelten Menge des üblichen Novemberniederschlags auf. Damit verbunden stiegen auch die Flusspegel deutlich an. Insbesondere der Dauerregen vom 29.11. bis 01.12. sorgte bei den kleineren Flüssen für einen rasanten Anstieg und nachfolgende Überschwemmungen. In Weidennau/Siegen an der Sieg liegt der mittlere Wasserstand bei 35 cm. In den letzten Tagen stieg dieser in kurzer Zeit jedoch auf Werte von über 160 cm an. Neben der Sieg führen vor allem die Lahn, die Ruhr, die Eder, der Obermain, der Regen, die Leine sowie weitere Flüsse, deren Quellgebiete oder Zuflüsse aus den Mittelgebirgsregionen rund um Eifel, Rothaargebirge, Thüringer Wald, Bayerischer Wald, Harz, u.s.w. entstammen, Hochwasser.

Ab dem heutigen Dienstag übernimmt zumindest vorübergehend das Azorenhoch "Xena" auch in Mitteleuropa das Wetterkommando. Es schiebt sich nach Nordosten vor und liegt am morgigen Mittwoch mit Zentrum über dem östlichen Frankreich. Damit dreht die Grundströmung auf eine südwestliche Komponente. Tiefausläufer streifen nachfolgend lediglich den äußersten Norden unseres Landes. Ansonsten stellt sich bis Freitag meist ruhiges, vor allem im Süden und der Mitte zu Nebel und Hochnebel neigendes herbstliches Wetter ein. Erst zum Wochenende soll verbreitet neuer Regen aufkommen.

Dipl.-Met. Lars Kirchhübel
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 01.12.2015

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