22
Jan
2016

Iris und die "Gefrierschlangen"

In der griechischen Mythologie gilt Iris als Botin der Götter, ihr Symbol ist der Regenbogen. Bei der Wetterlage am heutigen Freitag sind zwar keine Regenbögen zu erwarten, dafür jedoch ein Tief mit gleichem Namen, das uns Glatteisregen nach Deutschland schickt. Ob Iris deshalb eine Botin der Wettergötter ist, darf natürlich bezweifelt werden.

Zuvor muss Tief "Iris" mit Zentrum westlich vor Island aber erst Hoch "Claudius" mit Schwerpunkt über Tschechien und Österreich aus dem Weg räumen. Der Name "Claudius" wurde früher mit dem lateinischen "claudus" verbunden, was soviel wie "hinkend" oder "lahm" bedeutet. Heute ist diese Vornamenstheorie allerdings umstritten. So oder so zeigt sich "Claudius" tatsächlich in gewisser Weise lahm, will er seinen aktuellen Platz doch nur schwerfällig räumen.

"Iris" erweist sich bei diesem "Duell" jedoch als die Stärkere und hält mit ihren Ausläufern gegen Abend von Westen her Einzug bei uns. Während Hoch "Claudius" mit kalter Luft angefüllt ist, versucht "Iris" von Westen her wärmere Luft bei uns eindringen zu lassen, indem sie sich zunächst über die kältere Luft schiebt. Damit wird mit Ankunft der Tiefausläufer ab dem heutigen Freitagabend eine Glatteisregenlage heraufbeschworen, die auch schon am vergangenen Mittwoch an dieser Stelle Thema des Tages war und vor allem die Entstehungsprozesse beleuchtete (siehe http://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2016/1/21.html).

Schaut man nun in die Vorhersagen der einschlägigen Wettermodelle für heute Abend, so tauchen dort bei den Stationsmodellmeldungen viele Symbole für gefrierenden Regen auf. Diese sehen aus wie ein um 90 Grad nach links gedrehtes Fragezeichen ohne den Punkt unten bzw. wie ein Unendlichzeichen in der Mathematik und werden von einigen Meteorologen gerne liebevoll "Gefrierschlangen" genannt (siehe dazu auch die Grafik zur Vorhersage des Wetters unter http://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2016/1/22.html). Ein Punkt im linken Bereich des roten Symbols bedeutet leichter, zwei Punkte mäßiger oder starker gefrierender Regen. Im WMO-Stationsmodell (siehe dazu das Lexikon des Deutschen Wetterdienstes unter www.dwd.de/lexikon, Stichwort "Stationsmodell") belegen diese beiden Symbole die Ziffern 66 und 67.

Nach den Vorhersagen beginnt das "Gefrierschlangen-Spektakel" bzw. der Glatteisregen etwa gegen 19 Uhr im äußersten Westen des Landes. Zunächst soll dabei eine Linie vom Niederrhein bis zum Saarland erfasst werden. Am Niederrhein bzw. im Rheinland sind die Temperaturen aber meist schon zu hoch, sodass dort nicht unbedingt gefrierender Regen auftritt. 3 Stunden später kommt der Regen bei seiner Ostverlagerung etwa auf einer Linie Ostfriesland - Bergisches Land - Westerwald - Pfalz an. Je weiter man sich östlich befindet, desto wahrscheinlicher ist bei Temperaturen unter 0 Grad und gefrorenem Boden der gefährliche gefrierende Regen.

Kurz nach Mitternacht erreichen die Niederschläge einen Bereich vom westlichen Schleswig-Holstein über Hamburg, das nordhessischen Bergland, das Rhein-Main-Gebiet bis hin zum westlichen Baden-Württemberg. Wieder 3 Stunden später ist Mecklenburg, das westliche Sachsen-Anhalt, Thüringen sowie das nördliche und westliche Bayern "dran". Nun allerdings mischen sich vermehrt Schneesymbole in die Vorhersagen. Das gilt dann auch für die Morgenstunden, wenn die Niederschläge in den übrigen Regionen im Osten Deutschlands ankommen und diese dort zunächst überwiegend als Schnee fallen und erst später zum Teil in Regen übergehen. Im Westen lässt der Niederschlag dann schon wieder nach.

Seien Sie also angesichts der zu erwartenden teils starken Glätte vorsichtig, wenn Sie in den Abend- und Nachtstunden zum Samstag Autofahrten unternehmen oder sich sonst irgendwie draußen bewegen wollen. Wenn "Iris" mit ihren "Gefrierschlangen" genug bei uns für Unruhe gesorgt hat, setzt sich von Westen zunehmend ihre mitgeführte warme Luft durch. So dürften am Sonntag landesweit mit Plusgraden gerechnet werden, Tauwetter einsetzen und die "Gefrierschlangen" vorerst verschwinden.

Dipl.-Met. Simon Trippler
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 22.01.2016

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