23
Feb
2016

Trügerische Sicherheit

Viele Autos verfügen heutzutage neben Tachometer und Drehzahlmesser auch über eine Anzeige der Außentemperatur im Kombiinstrument.

Typischerweise ist der zugehörige Temperaturfühler hinter der Stoßstange in ausreichender Entfernung zum Motor angebracht. Damit sitzt er - sieht man von tiefergelegten Autos einmal ab - ca. 20 cm über der Fahrbahn, also ein ganzes Stück darüber.

Bekanntermaßen kann eine Straße glatt sein, wenn deren Belagstemperatur bei oder unter 0 °C liegt. Aber die Anzeige im Auto gibt nicht den Wert der Belagstemperatur wieder, sondern wie warm die Luft unmittelbar unter dem Auto in eben etwa 20 cm Höhe ist.

In der prallen Sonne erwärmt sich die Fahrbahn vor allem im Sommer tagsüber auf Temperaturen um 50 °C. Diese warme Fahrbahnoberfläche erwärmt die darüberliegende Luft. In gleicher Weise wird die bodennahe Luft während einer Winternacht, besonders bei klarem Himmel, von der Fahrbahn abgekühlt. Die Temperatur des Straßenbelags geht also schneller als die Temperatur der darüber befindlichen Luft zurück. Mitunter kann die Differenz zwischen diesen beiden recht groß sein.

Der Deutsche Wetterdienst hat die hoheitliche Aufgabe, vor Glätte - wodurch sie auch immer verursacht wird - zu warnen. Daher stehen dem zuständigen Warnmeteorologen rund um die Uhr die Daten der sogenannten Glättemeldeanlagen (GMAs) zur Verfügung. Diese GMAs stehen meist an Autobahnen und Bundesstraßen, sind aber auch zunehmend an Straßen im nachgeordnete Straßennetz zu finden.

Die Grafik auf http://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2016/02/23.html zeigt den zeitlichen Verlauf von Belagstemperatur (hauptsächlich schwarze Kurve), Lufttemperatur (hauptsächlich rote Kurve) und Taupunkt (Maß für die Luftfeuchte; hauptsächlich in hellblau dargestellt) am 26. November 2015 an der Bundesautobahn 71 bei Sömmerda (Thüringen). Man erkennt, dass die Belagstemperatur tagsüber stärker ansteigt als die Lufttemperatur. So erwärmt sich der Straßenbelag auf maximal 9 °C, die Luft aber nur auf gut 6 °C. Etwa 16.30 Uhr weisen beide Temperaturen den gleichen Wert auf. Von da an liegt die Belagstemperatur unter der Lufttemperatur. Kurz vor 21 Uhr hat sich der Straßenbelag auf 0 °C abgekühlt, mit Glättebildung muss - entsprechende Nässe oder Feuchte vorausgesetzt - fortan gerechnet werden. Zu diesem Zeitpunkt weist die Lufttemperatur aber noch einen Wert von knapp +1 °C auf. Erst knapp zwei Stunden später "rutscht" auch diese in den Frostbereich. Solange sollte man sich also nicht in trügerischer Sicherheit wiegen, weil der Anzeige im Auto noch positive Temperaturen aufweist. Viele Autos reagieren daher schon bei einer Außentemperatur von 3 oder 4 °C mit optischen und/oder akustischen Warnungen.

Das ist auch sinnvoll, da bereits bei dieser Lufttemperatur die Belagstemperatur unter 0 °C liegen kann. Zusätzlich sollte man als Fahrzeugführer darauf achten, ob die Straße im Lichtkegel des eigenen oder der entgegenkommenden Autos feucht aussieht oder glitzert.

Natürlich muss eine Straße mit negativen Belagstemperaturen nicht zwangsweise glatt sein. Fehlt es an Feuchte durch Niederschlag oder Schneeschmelze, kann auch keine Glätte durch überfrierende Nässe entstehen. Fehlt es an Luftfeuchte, kann in klaren oder wolkenarmen Nächten keine Reifglätte auftreten. Aber selbst wenn das Feuchtedargebot gegeben ist, gibt es ja glücklicherweise auch die Winterdienste. Diese bringen Salz oder Salzlösungen auf die Straßen aus, wodurch der Gefrierpunkt von Wasser herabgesetzt wird und erst bei deutlich negativen Belagstemperaturen Glättebildung einsetzt.

M.Sc. Met. Stefan Bach
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 23.02.2016

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