21
Mar
2016

Wie "weit" fortgeschritten ist der Vegetationsstand?

Der Winter 2016 war in Deutschland einer der wärmsten seit Aufzeichnungsbeginn. Hauptverantwortlich dafür war der Rekorddezember 2015, der um 5,6 Grad zu warm ausfiel. Ende Februar stellte sich die Wetterlage dann um. Häufige Nordwestlagen und später ein Hoch über Skandinavien führten zum Zustrom kühlerer Luft. So waren die ersten 3 Märzwochen mit einer Abweichung von -0,5 Grad sogar etwas zu kalt. Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf die Vegetation. Der Teilbereich der Meteorologie, der sich mit den jedes Jahr vom Wetter abhängigen wiederkehrenden Wachstums- und Entwicklungsstadien von Pflanzen beschäftigt, wird Phänologie genannt.

Das Wort "Phänologie" ist an das Altgriechische angelehnt und bedeutet "die Lehre der Erscheinungen in der Natur". Die Phänologie bedient sich der Daten über die Eintrittstermine für charakteristische Entwicklungsphasen von Pflanzen. Diese Entwicklungsphasen werden von zahlreichen ehrenamtlichen Beobachtern erfasst und in einem phänologischen Kalender notiert. Dafür werden bestimmte Zeigerpflanzen herangezogen. Zum Beispiel ist die Haselnussblüte charakteristisch für den Vorfrühling und die Forsythienblüte für den Erstfrühling. Nach dem Eintreten dieser Entwicklungsphasen richten sich also dann die phänologischen Jahreszeiten.

Phänologisch gesehen begann der Vorfrühling dieses Jahr in einigen Gebieten schon im Dezember mit dem Blühen der Haselnuss. Dies war in diesen Gebieten etwa einen Monat früher als normal. In günstig gelegen Regionen blühten sogar Schneeglöckchen, Löwenzahn und Mandeln. Grund dafür war die außergewöhnlich milde Witterung. In der 2. Januarhälfte gab es dann eine stärker ausgeprägte kalte Periode, die den Vorsprung der Vegetation verringerte.

Der Februar verlief in weiten Teilen Deutschland wieder deutlich zu warm. Dennoch kam die Vegetation durch häufige Nachtfröste und kurze Kaltlufteinbrüche nur schubweise voran. Abgesehen von den Mittelgebirgslagen befinden wir uns aktuell fast überall im Vorfrühling, der im Mittel 19 Tage eher begann als normal. Die Kaltlufteinbrüche im März mit häufigen Nachtfrösten haben die Vegetationsentwicklung besonders im Westen stark eingebremst. Nur örtlich blüht bereits schon die Forsythie, deren Blüte den Erstfrühling einleitet. In diesen Regionen blüht sie im Mittel etwa 5 Tage eher als normal.

Zwei extreme Beispiele, wie sich die Vegetationsentwicklung unterscheiden kann, sind die Jahre 2013 und 2014. Der März 2013 war außergewöhnlich kalt, mit mäßigen Frösten und einer für längere Zeit geschlossenen Schneedecke, die sich sogar in tiefen Lagen hielt. Die Forsythienblüte begann damals im Mittel 20 Tage später. Das Frühjahr 2014 verlief dagegen deutlich zu mild, was im Mittel zu einem 15 Tage früheren Blühbeginn führte. In den nächsten Tagen bleibt es für die Jahreszeit etwas zu kalt, sodass die Vegetation kaum Fortschritte machen wird. Doch zu Ostern deutet sich eine deutliche Erwärmung an, sodass der Vegetationsvorsprung dann weiter fortschreiten kann. Die vom Deutschen Wetterdienst gesammelten phänologischen Daten sind nicht nur ein Indikator für die aktuelle Witterung, sondern spielen auch in anderen Bereichen der Meteorologie wie zum Beispiel der Klimatologie oder Pollenvorhersage eine Rolle. Weitere Daten erhalten Sie auf unserer Homepage unter http://www.dwd.de/DE/leistungen/phaeno_sta/phaenosta.html. Ein ausführlicher Bericht zur Pflanzenentwicklung im Winter 2015/16 befindet sich unter http://bit.ly/1MiW20y.

Dipl.-Met. Christian Herold
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 21.03.2016

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