19
Nov
2010

November 2010 - eine kleine klimatologische Zwischenbilanz

Bevor in der nächsten Woche der seit Tagen in Meteorologenkreisen diskutierte und von den Medien an die Öffentlichkeit kolportierte Winter 2010/11 in Deutschland sein Stelldichein gibt, soll an dieser Stelle - kurz vor Ende der zweiten Novemberdekade - eine kleine Zwischenbilanz über den bisherigen Verlauf des Monats gezogen werden (Datenauswertung bis 18.11., Donnerstag früh, DWD-Stationen).

Dass der apostrophierte Kaltlufteinbruch (er wird übrigens auch heute von den meteorologisch relevanten Computermodellen unisono bestätigt) aus rein mathemtisch-statistischen Gesichtspunkten "nötig" ist, zeigt ein schneller Blick auf den bisherigen Temperaturverlauf. Mittelt man die Temperatur aller Stationen des DWD, an denen Messungen durchgeführt werden, so kommt man auf einen "Wärmeüberschuss" von satten 4 Kelvin. Kein Wunder eigentlich, wenn man sich z.B. an das vergangene Wochenende erinnert, an dem man ja quasi noch in kurzen Hosen rumlaufen und Eis im Straßencafe genießen konnte.

Nicht eine Station taucht in der langen Liste auf, die eine negative Temperaturabweichung aufweist. Am geringsten ist der Bias (so nennt man in diesem Fall die Differenz zwischen dem langjährigem und dem aktuellen Mittelwert) im norddeutschen Glücksburg-Meierwik unweit von Flensburg, wo aktuell 6,6 Grad einem Mittel von 5,5 Grad gegenüber stehen (+1,1 Kelvin). Überhaupt fallen die Abweichungen im Norden geringer aus als im Süden, wo der Bias nicht selten über 5 Kelvin groß ist. Das klingt für den einen oder anderen vielleicht gar nicht so viel, ist aber in der meteorologischen Mittelwertsstatistik ein "echtes Pfund".

Am wärmsten war es bisher übrigens in Freiburg mit 10,6 Grad (+5,5 Kelvin), die höchste Abweichung wurde am Münchener Flughafen mit 5,8 Kelvin (8,6 gegenüber 2,8 Grad) registriert.

Überaus interessant gestaltet sich der bisherige Verlauf der Niederschläge. Es gab einige Stark- und Dauerregenereignisse, die nicht nur ordentlich Wasser in die Messtöpfe gespült sondern auch die eine oder andere Hochwassersituation heraufbeschworen haben. Dass das naturgemäß nicht überall in gleichem Maße der Fall war, und dass einige Regionen sogar sehr sparsam mit H2O versehen wurden, zeigen einige Zahlen aus der Statistik. Der nasseste Ort ist der Brocken im Oberharz, ein in jeglicher meteorologisch-klimatologischer Hinsicht neuralgisches Fleckchen Erde. Satte 241 Liter pro Quadratmeter (l/qm) wurden gemessen (128% des Mittels), wobei teilweise auch Schnee dabei war. Die größte Abweichung mit gut 260% gab es in Cottbus, wo bisher schon 110 l/qm (Mittel 42 l/qm) Regen in die Töpfe fiel. Ziemlich regenreich präsentierten sich bisher auch die westlichen Landesteile. So wurden z.B. im sauerländischen Meinerzhagen-Redlendorf gut 212 l/qm registriert, was das Anderthalbfache des Normalwertes ausmacht. Weit entfernt von solchen "Wassermassen" zeigen sich die südlichen Gefilde, vor allem einige Regionen in Bayern. In Chieming am Chiemsee reichte es für knapp 15 l/qm, was bei gerade mal 17% noch viel Luft (besser Wasser) nach oben hat. Noch geringer mit etwa 13% ist die Abweichung auf demgut 1800 Meter hohen Wendelstein, wo statt 120 l/qm Monatssoll mickrige 15 l/qm auftauchen.

Bliebe abschließend noch ein Blick auf unsere geliebte Sonne, die ja gerade im November häufig nicht über eine Komparsenrolle hinaus kommt. Und richtig, auch in diesem Jahr weisen die bisherigen Werte nicht gerade ein Überangebot an UV-Strahlung auf, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Es gibt nicht wenige Orte, an denen der Sonnenscheinschreiber noch nicht mal auf 10 (in Worten zehn) Stunden kam. Den im wahrsten Sinne des Wortes berühmten Vogel schießt dabei der Vogelsberg im Hessischen ab, wo am Hoherodskopf bisher nicht ein Fitzelchen Sonne (also eine echte Nullnummer) registriert wurde. Aber auch im brandenburgischen Neuruppin mit 8 Stunden, im niedersächsischen Bückeburg mit 5 Stunden, in der Metropole Düsseldorf mit 6 Stunden usw. sind die Leute nicht besonders braun geworden, sofern man davon im November überhaupt sprechen kann. Es überrascht übrigens nicht, dass die Zugspitze mit knapp 90 Stunden (zwei Drittel des Solls) die Poleposition unter den Messstationen einnimmt, haben doch einige Föhnsituationen am Alpenrand die Wolken immer mal wieder weggedrückt. Außerdem schert es die Hochlagen nicht, wenn unten im Tal Nebel oder Hochnebel die Sonnenscheinbilanz versaut.

Wie auch immer, nächste Woche dreht sich das Pendel, so dass an diesen Zahlen noch kräftig gerüttelt wird. Man darf gespannt sein, was am Ende heraus kommt, wenn Anfang Dezember endgültig abgerechnet wird.

Dipl.-Met. Jens Hoffmann
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale

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