20
Nov
2010

"Bonjour Tristesse" oder der Normalzustand

Die aktuelle Wettersituation passt eigentlich ideal zu dem, was man vom November erwartet. Nebliges und trübes Wetter, Temperaturen am Tage über, in der Nacht auch mal knapp unter null Grad, dazu Nieselregen und ab und an mal ein wenig Wind. Das Wetter ist fast schon zu normal und durchschnittlich, um wahr zu sein, man könnte es als "Klimawetter" bezeichnen, also Wetter, das mit dem Klima übereinstimmt.

Ein Blick auf die Temperaturen des gestrigen Tages und der vergangenen Nacht verdeutlichen das. So lag die Höchsttemperatur gestern in Augsburg bei 6 Grad, die Tiefstemperatur in der Nacht bei minus 2 Grad. Und die Durchschnittstemperatur im November liegt bei 3,6 Grad. Ähnliches gilt für Köln (Höchstwert 10 Grad, Tiefstwert 4 Grad, langfristiges Mittel 6 Grad) und Magdeburg (Höchstwert 7, Tiefstwert 4, langfristiges Mittel 4,5 Grad). Und weil in unseren Breiten der "Normalzustand des Wetters" im November - wie oben beschrieben - mit den Worten trüb und grau in Verbindung gebracht wird, ist auch die Begrüßung mit einem - je nach Geschmack - trotzig heiteren oder demütig depressiven "Bonjour Tristesse" verständlich, nach dem Titel des Romans von Francoise Sagan aus dem Jahre 1954. Dabei sei unabhängig von der Handlung des Romans daran erinnert, das selbiger in den Sommerferien spielt, und die Worte "Sommer" und "Ferien" allein sorgen vielleicht schon für die eine oder andere Gemütsauflockerung.

Der Blick über den Deutschen Tellerrand hinaus fördert dann aber durchaus auch etwas unruhigere Wetterereignisse zutage. In Europa vor allem Niederschläge um den Golf von Genua, ausgelöst durch ein Tiefdruckgebiet über dem westlichen Mittelmeer. Hier sagen unsere Modelle bis Morgen früh um 7 Uhr teilweise über 30 Liter pro Quadratmeter voraus. Dazu noch überdurchschnittlich hohe Temperaturen über Osteuropa. Aber "überdurchschnittlich" ist auch relativ. 6 Grad Höchsttemperatur im Baltikum und bis zu 10 Grad im südöstlichen Polen sind nichts, was wirklich aus dem Rahmen fällt. Richtig "zur Sache" geht es allerdings an einigen anderen "Ecken" unseres Planeten. Orkanböen im Süden Grönlands und schwerer Sturm an der Ostküste Kanadas. Schwerer Sturm aber auch in den südlichen Rocky Mountains und den südlichen Anden. In Grönland fallen dabei auch die Temperaturen aus dem Rahmen. 9 Grad in Narsarsuaq an der Südspitze, das ist in der Tat außergewöhnlich, ebenso wie bis zu 4 Grad in Alaska. Dies sind zumindest die Prognosen unserer Modelle für den heutigen Samstag.

Zurück nach Deutschland. Auch hier gab und gibt es Stationen, die ein bisschen weiter von Ihren Mittelwerten abgewichen sind als unsere 3 obigen Beispiele. So sanken in Landsberg die Temperaturen bei länger wolkenlosem Himmel immerhin auf -6 Grad ab. Und Emmendingen-Mundingen am Westhang des Schwarzwaldes konnte Höchstwerte von 12 Grad melden. Aber ist das nicht auch Normal? Oder - anders gefragt - was ist normal?

Dass das Wetter sich wie das Klima verhält, also das über einen langen Zeitraum gemittelte Wetter, ist keineswegs die Regel. (Angemerkt sei, dass es eine Vielzahl von Klimadefinitionen gibt, auf die hier nicht genauer eingegangen werden soll.) Vielmehr ist das Schwanken um diesen Mittelwert normal und auch für das Klima eines Ortes von großer Bedeutung. Zum Klima gehört schließlich auch seine natürliche Schwankungsbreite und diese ist sogar ein wichtiger Teil des Klimas. Ein Beispiel? In Oslo beträgt die Jahresmitteltemperatur 5,9 Grad. Sie liegt damit genau so hoch wie im baden-württembergischen Friedenweiler im Südschwarzwald. Keiner würde aber behaupten, dass beide Orte das gleiche Klima haben.

Und weil das Wetter häufiger schwankt, als dass es mit seinem Klimamittel übereinstimmt, können wir darauf hoffen, dass es bei uns bald wieder etwas turbulenter zugeht als zur Zeit. Dann heißt es (endlich?) "Adieu Tristesse - Bonjour Turbulence".

Dipl.-Met. Martin Jonas
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale

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