05
Dec
2010

Durchatmen ohne Atempause

Puh! Endlich etwas wärmer! So oder so ähnlich wird sich mancher äußern, erfreut darüber, dass die Temperaturen, die in den vergangenen Tagen gerne mal in extremen Regionen unterwegs waren, sich wieder im "Normalbereich" eingependelt haben. Höchstwerte am heutigen Sonntag irgendwo um 0 Grad - da war es vor ein paar Tagen an manchen Ecken auch gerne einmal 10 Grad kälter.

Endlich Durchatmen, wettertechnisch natürlich, diese Hoffnung ist sicher weit verbreitet in unserer Republik. Aber mit der Ankündigung etwas milderer Temperaturen geisterte sofort wieder ein Schlagwort durch die Medien, das zum Schreckgespenst für jeden Autofahrer werden kann: Blitzeis! Durch einen Geistesblitz ist hier eine schillernde Formulierung gefunden worden, die es im meteorologischen Sprachgebrauch nicht gibt. "Gefrierender Regen" heißt in Meteorologenkreisen das Zauberwort, und es umschreibt gleich drei Dinge auf einmal. Erstens "normalen" Regen in flüssiger Form, der auf eisigem Boden gefriert. Zweitens Regen, der bei einer Inversion in bodennah kalter Luft wieder gefriert und als Eis auf den Boden trifft. Und drittens Tropfen aus unterkühltem Wasser, also Wasser in flüssiger Form, aber mit einer Temperatur von unter Null Grad. Dieses gefriert sofort beim Auftreffen auf dem Boden, und dies selbst dann, wenn der Boden wärmer als Null Grad ist. Diese dritte Form ist damit sozusagen die blitzartigste Blitzeisform. Kritisch wird die Situation auf den Straßen aber auf jeden Fall, egal welches der 3 Ereignisse eintritt.

Dies gilt in den kommenden Tagen erneut, auch dann, wenn "Blitzeis" nach den letzten Modellrechnungen gar nicht mehr das Hauptproblem darstellt. Zumindest nicht überall. Denn die Wettermixtur bietet z. Z. ein komplexes, vielfältiges und auch undurchsichtiges Pottpourie mit verschiedensten Erscheinungen und wahrscheinlich auch wieder einigen Überraschungen.

Dass wir es weiter mit Schneefall und auch Schneeverwehungen zu tun haben, muss eigentlich nicht mehr erwähnt werden. Die wildesten Turbulenzen zeichnen sich in den nächsten Tagen im Südwesten und Süden ab. Der heute Nachmittag durch Tief LIANE einsetzende Schneefall ist in den Hoch- und Gipfellagen des Schwarzwaldes zum Teil noch einmal sehr kräftig. Dort können in ungünstigen (oder günstigen, je nach Geschmack) Lagen noch einmal bis 30 cm Neuschnee zum vorhandenen Schnee hinzukommen. In den nicht ganz so schneereichen oder nicht ganz so hoch gelegenen Gebieten können jedoch auch noch 10 bis 20 cm fallen. Dagegen geht der Schnee in den tieferen Lagen schon in Regen über. Das wird er im Süden Deutschlands im Laufe des morgigen Tages bis in Lagen von etwa 1500 Meter tun. Am Dienstag steigt die Schneefallgrenze dort sogar über 2000 Meter.

Eine proppere Schneedecke, Temperaturen von bis zu 6 Grad und dazu Regen, der in Form der häufig zitierten Bindfäden vom Himmel kommt - die Zutaten für ein starkes Tauwetter sind in der Wetterküche bereits angerührt. Wer sich vom Wetter eine Atempause erhofft hat, wird bitter enttäuscht. Die Wintersportler sollten aber deshalb nicht in Tränen ausbrechen. Die Gefahr, dass die Tränen im Schnee das Tauwetter verstärken würden, ist zwar gering. Aber Ski- und Snowboardakrobaten können sich ebenso wie gemächliche Winterwanderer schon jetzt auf die in der Nacht zu Donnerstag erneut einsetzenden Schneefälle im Süden freuen. Da aller Wahrscheinlichkeit nach die Schneedecke in den Hochlagen des Südens nicht komplett wegtaut, ist für die in der zweiten Wochenhälfte kommenden Schneefälle noch eine gute Grundlage vorhanden. Also auch hier keine Atempause.

Wie weit die warme Luft, die uns das Tauwetter bringt, nach Norden vorankommt, lässt sich noch nicht so genau sagen. Der Main könnte am Dienstag und Mittwoch so etwas wie eine Schnee- Regen-Grenze bilden. Nur grob gesagt natürlich, denn diese hängt von vielen Faktoren wie z. B. von der Höhenlage des betreffenden Gebietes ab.

In der Mitte und dem Norden dominiert erst einmal die Glätteproblematik. Nicht nur durch das oben angesprochene "Blitzeis", sondern durch ganz profane gefrierende Nässe. Aber auch diese hat ihre Tücken, und Vorsicht ist auf jeden Fall geboten. Dennoch klingt das insgesamt schon eher nach Durchatmen als der Wettermix im Süden. Aber: Da sich im Norden die warme Luft nicht durchsetzen kann, ist schon ab der Wochenmitte wieder Dauerfrost angesagt. Also nur eine kurze Atempause, wenn man die Temperaturen betrachtet. Durchatmen sollte aber auch bei Frost möglich sein.

Dipl.-Met. Martin Jonas
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale

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