10
Dec
2010

Erst früherer Abend, dann späterer Morgen...

Während unsere bäuerlichen Altvorderen sich in ihren Aktivitäten nach dem Sonnenstand richteten, teilen wir unseren Tag nach der Uhrzeit ein, unser Leben wird von Arbeitsabläufen, Terminen und Fahrplänen bestimmt. Die langen und dunklen Winternächte machen es uns deutlich, wir leben mit einer künstlichen Zeit, die von Armbanduhr und elektrischem Licht bestimmt wird. So sind wir im Winter buchstäblich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf den Beinen, wogegen uns im Sommer der dann sehr frühe Sonnenaufgang meist entgeht.

Aufmerksamen Zeitgenossen fällt daher gerade in diesen Wintertagen ein merkwürdiges Phänomen auf. Zwar ist der Tag der Sonnenwende am 22. Dezember 2010 der kürzeste, jedoch fand der früheste Sonnenuntergang dieses Jahres bereits Anfang Dezember statt, in Frankfurt am Main (50°07'N, 08°41'E) am 8. um 16:22 Uhr MEZ. Demgegenüber erfolgt der späteste Sonnenaufgang dort am 2. Januar 2011 um 08:22 Uhr.

Dies hat seine Ursache in zwei Phänomenen, und zwar in der Abweichung der Umlaufbahn der Erde von der Kreisform (Exzentrizität) sowie der Neigung der Erdbahnebene gegenüber dem Äquator. Beide Effekte bewirken eine Differenz zwischen Wirklicher Sonnenzeit oder Wahrer Ortszeit (WOZ, von der Sonnenuhr angezeigt) und einer modellhaften Mittleren Sonnen- oder Mittleren Ortszeit (MOZ), welche auch von gleichmäßig laufenden, heute sehr präzisen Uhren angezeigt wird. Sie besitzen im Jahresgang sinus-ähnliche Kurven mit leicht phasenverschobenen Extremwerten, ihre Überlagerung findet sich in der sog. Zeitgleichung wieder.

Deren deutlichste Änderung zeigt sich in den Tagen um die Wintersonnenwende, mit Vorzeichenwechsel am 25. Dezember, während sich die Tageslängen nur geringfügig verkürzen bzw. verlängern. Mitte Dezember ist die Zeitgleichung noch positiv, die Sonnenuhr geht vor, d.h. die wirkliche Sonne ist schneller als die mittlere und sinkt daher, gemessen nach unserer Uhrzeit, früher unter den Horizont. Anfang Januar ist die Zeitgleichung schon deutlich negativ, eine Sonnenuhr ginge nach, d.h. die wirkliche Sonne ist langsamer als die mittlere und geht daher, verglichen mit unserer Uhrzeit, später auf.

Aufmerksame Zeitgenossen irren sich also nicht, wenn es ihnen in der Adventszeit abends, zu Beginn des neuen Jahres hingegen morgens besonders dunkel erscheint.

Dipl.-Met. Thomas Ruppert
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale

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