12
Dec
2010

Wetterchaos am Mittwoch - Ein erklärender Rückblick

Ist das noch normal? So oder so ähnlich hat man viele Leute am vergangenen Donnerstag erzählen hören. Der Donnerstag war der Tag nach dem großen Chaos: Am Frankfurter Flughafen kam der Flugverkehr für 4h zum Stillstand. In Leipzig wurde der komplette Straßenbahnverkehr eingestellt. Aber nicht nur in Deutschland gab es Probleme. So fielen in Paris 10 cm Neuschnee, soviel, wie seit 1987 nicht mehr. In Luxemburg brach der Straßenverkehr weitgehend zusammen.

Was war passiert? Der Grund für die Wetterkapriolen war eine scharfe Luftmassengrenze (zum Thema Luftmassengrenze rechts in der Rubrik "Thema des Tages" auf [mehr] klicken und den entsprechenden Beitrag raussuchen). Diese Grenze sorgte für zum Teil erhebliche Unterschiede. Während man zur Mittagsstunde in München bei trockenen 14 Grad locker auf den Wintermantel verzichten konnte, regnete es in Frankfurt bei 1 Grad heftig. In Erfurt gefror der Regen bei -2 Grad sofort am Boden und in Kassel fiel der Schnee in großen Flocken vom Himmel.

Zwischen Regen, gefrierendem Regen, Eisregen und Schnee lagen zum Teil kaum 100 km. Diese scharfe Grenze war an ein Tiefdruckgebiet gekoppelt, das von Frankreich kommend über Deutschland nach Polen zog. Auf der Vorderseite schaufelte das Tief fleißig Warmluft tropischen Ursprungs nach Norden, während auf seiner Rückseite kalte Polarluft nach Süden strömte. Das Tiefdruckzentrum war genau die Trennlinie zwischen beiden Luftmassen.

Wie lassen sich aber die unterschiedlichen Phasenzustände erklären? Warum gab es nicht nur Regen oder Schnee, sondern auch Eisregen und gefrierenden Regen? Der Grund dafür ist vielschichtig und macht das Warnmanagement besonders schwierig.

Im Winter ist es typisch, dass es die warme Luft schwer hat die kalte zu verdrängen. Dies ist insbesondere in Bodennähe der Fall. Während sich in höheren Luftschichten meist schon warme Luft breit gemacht hat, liegt die kalte Luft am Boden wie festgewurzelt. Begünstigt wird dieser Effekt noch, wenn die kalte Luft in einem Talkessel liegt. Wie Wasser in der Schüssel bleibt diese dort liegen. Dies war auch am Mittwoch der Fall.

Hinzu kam der Wind. Um Kaltluft zu verdrängen, braucht es in aller Regel einen kräftigen Wind. Dieser war so nicht gegeben. Darüber hinaus kam er am Boden aus nordöstlichen Richtungen und hat dort immer wieder für Nachschub an kalter Luft gesorgt. Diese wurde aus den schneebedeckten Gebieten im Nordosten und Osten des Landes herangeführt.

Das waren die Zutaten. Nun aber noch zur Erklärung, wie bei solchen Bedingungen gefrierender Regen und Eisregen entsteht:

Niederschlag bildet sich in höheren Luftschichten. Dort ist die wärmere Luft bereits angekommen, wie zuvor erläutert. Daher bildete sich der Niederschlag in der flüssigen Form. Dieser Regen fiel nun in kältere Luftschichten und begann nach und nach zu gefrieren. Die Folge waren Eiskörner. Dort wo die kalte Schicht nicht groß genug war, fiel der Regen bis zum Boden in der flüssigen Phase. Da aber Bodenbelag und Luft frostig kalt waren, gefror der Regen unmittelbar. Das Ergebnis war gefrierender Regen.

Der aufmerksame Beobachter in der Mitte und im Süden hat die am Abend des Mittwoch wieder nach Süden wandernde scharfe Luftmassengrenze hautnah miterleben können. So habe auch ich auf dem Heimweg innerhalb einer halben Stunde folgendes erlebt: Der Regen ging zunächst in Eiskörner über, die eine dünne Eisschicht am Boden produzierten. Dann setzte Schnee ein und blieb direkt auf dem Eis liegen.

So ging es sicherlich auch anderen Lesern, die mir zustimmen werden: Man mag vom Winter halten, was man will. Dies war ein Wettererlebnis der interessanteren Sorte, dass man mit viel Spannung und Interesse live mitverfolgen konnte.

Dipl.-Met. Marcus Beyer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale

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