30
Dec
2010

Winter 2010/2011, die Entdeckung der Langsamkeit

In unserer hochtechnisierten Welt hält sich der Glaube, dass immer alles pünktlich und zuverlässig funktionieren müsse. Dass dies ein Irrglaube ist, haben wir gerade wieder einmal in den letzten Wochen erfahren müssen. Der Winter hält uns fest im Griff und schon sind überall Ausfälle zu beklagen. Ob im Transportwesen, in der Bauwirtschaft oder auch im individuellen Bereich. Es läuft einfach nicht mehr alles rund, es läuft alles langsamer.

Schaut man in die Medien, dann wird schnell nach Schuldigen gesucht und diejenigen auch gefunden. Die Räumdienste, die Flughafenbetreiber, die Verantwortlichen der Bahn und auch der Wetterdienst, die sind es, die die Verantwortung dafür tragen. Warum legen wir eigentlich die Verantwortung für uns selbst in die Hand anderer und drücken uns vor der Eigenverantwortung?

Es ist bloß Winter, schlicht Winter!

Vielleicht sollten wir uns einmal daran erinnern, dass es auch in der Vergangenheit schon strenge und schneereiche Winter gab. Sicherlich sind wir durch die relativ schneearmen und milden Winter um die Jahrtausendwende hin etwas verwöhnt worden. Vielen wurde auch die Illusion vermittelt, dass es keine richtigen Winter mehr gäbe. Nun, in diesem und auch in dem letzten Jahr wurden wir wieder einmal eines Besseren belehrt.

Aber alles Jammern nutzt nichts. Mit der Natur und den Naturgewalten leben, das ist die einzige brauchbare Lösung. Muss man denn eine Autofahrt antreten, wenn 20 bis 30 cm Neuschnee vorhergesagt sind? Kann man eine evtl. geplante Dienstreise nicht verschieben? Diese Fragen sollte sich jeder einmal stellen, bevor er sich selbst in ein Verkehrschaos stürzt.

Und wenn man im Winter mit dem Fahrzeug schon unterwegs sein muss, wie wäre es, eine Decke ins Fahrzeug zu legen, vielleicht auch noch einmal eine Stulle, Bemme oder auch ein belegtes Brötchen einzupacken. Eine Thermoskanne mit Tee oder Kaffee ins Auto. Füllt man dann auch noch rechtzeitig den Tank nach, dann kann eigentlich nicht mehr viel passieren.

Schön, wenn mir die nette Stimme des Navigationssystems sagt, dass ich in 3 Stunden und 18 Minuten mein Ziel erreichen werde. Wenn es die Wetterlage nicht zulässt, dann kann die Fahrt auch wesentlich länger dauern. Gegen die Natur zu arbeiten erweist sich als sinnlos.

In zwei drei Monaten wird auch dieser Winter Geschichte sein und die Erinnerung daran verblassen. Vielleicht erweist es sich aber als sinnvoll, die Erkenntnis dieses Winters, dass alles auch einen Schritt langsamer gehen kann, in den hektischen Alltag zu übernehmen.

Dipl.-Met. Helmut Malewski
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale

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