29
Dec
2011

Rumpelstilzchen

Oder: "Ach wie gut dass niemand weiß, wie ich denn nun wirklich heiß."

Wer gemeint ist? Sie werden es sich schon denken können. Natürlich ist dieses etwas abgewandelte Zitat aus dem großen Schatz der Grimm-Märchen eine Anspielung auf die aktuelle Jahreszeit.

Heutzutage bezeichnet man gerne Dinge als "Rumpelstilzchen", die ungehobelt sind, aus dem Rahmen fallen und sich nicht benehmen können. Selbst Politiker in unserem Lande haben sich das Wort Rumpelstilzchen schon an den Kopf geworfen.

Für uns ist aber das aktuelle Wetter das Maß aller Dinge. Legt man dieses zugrunde, dann könnte die jetzige Jahreszeit auch sehr gut als Herbst durchgehen. Denn nachdem Orkantief Joachim Geschichte ist, haben wir es aktuell mit dem über dem südlichen Skandinavien liegenden Orkantief ROBERT zu tun. Sturmböen und vereinzelte schwere Sturmböen, wie wir sie am heutigen Donnerstag an der Deutschen Küste erwarten, sind dabei aber noch vergleichsweise harmlos.

Denn in Schottland bat ROBERT gestern zu einem wahrlich wilden Tanz rumpelstilzcher Prägung. Die höchste von unseren Britischen Kollegen gemessene Windgeschwindigkeit betrug 183 km/h. Sie wurde in der ersten Hälfte der vergangenen Nacht auf dem 1245 Meter hohen Cairn Gorm gemessen. Aber nicht nur das absolute Windmaximum beeindruckte. Ebenso war die Andauer alles andere als ein Zuckerschlecken. Schon Vorgestern am Nachmittag wurde in den Highlands die erste Orkanböe (118 km/h) gemessen. In der Nacht zu Mittwoch, den ganzen Mittwoch über und durch die Nacht zum heutigen Donnerstag hindurch hielten die Böen von teilweise weit über 100 km/h an. So sehen, könnte man sagen, "anständige" Herbststürme aus.

In Deutschland stehen beim Thema Wetter neben dem Wind aktuell die Niederschläge im Vordergrund. Dabei stellt sich aber nicht die Ja-oder-Nein-Frage. Denn klar ist: Viele Wolken werden uns bis ins neue Jahr begleiten, und diese sorgen auch immer wieder für Niederschläge. Freundliche Abschnitte sind selten. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wer sich durchsetzen kann: Frau Holle oder die Wassernixe.

Aktuell ist Frau Holle auf dem Vormarsch. Bis zum heutigen Abend sinkt die Schneefallgrenze in den Mittelgebirgen auf etwa 400 Meter, am morgigen Freitag liegt sie dann nur noch bei 300 Meter. In Schauern kann es aber auch bis ins Flachland Schnee oder Graupel geben. Im Süden fällt, vom Oberrheingraben abgesehen, praktisch überall Schnee. Der gescheite Hans holt in einer solchen Situation den Schneeschieber heraus - er sollte sich aber auch vor Schneeverwehungen schützen. Das tapfere Schneiderlein lässt beides bleiben. Und Hänsel und Gretel bereiten die Schlitten vor. Es gilt nämlich, den Schnee zu nutzen, so lange er noch da ist. Denn unsere Wettermodelle sagen für den Neujahrstag in Deutschland schon wieder Temperaturen von 8 bis 13 Grad voraus.

Für die Betreiber von Liftanlagen ein Albtraum. Aber märchenhaft für alle, die sich häufiger wünschen, die kalte Jahreszeit möge sich zum Teufel scheren.

Apropos Teufel: "Das hat Dir der Teufel gesagt", so Rumpelstilzchen, nachdem die Königin seinen Namen erraten hatte. Wollen wir den Namen der aktuellen Jahreszeit erraten, so muss der Teufel nicht aushelfen. Mancherorts - in den "Frau-Holle-Ecken" - kann man mit einem Blick aus dem Fenster auf die richtige Lösung kommen. Dort, wo das nicht hilft, ist der Blick auf den Kalender zwingend. Heute ist der 29.12. Und damit ist aktuell: Winter! Aber eben ein "Rumpelstilzchen-Winter"!

Dipl.-Met. Martin Jonas
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 29.12.2011

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