10
Nov
2011

Tropischer Sturm über dem Mittelmeer

Meist entstehen tropische Stürme zwischen dem 5. und 25. Breitengrad. Nun wurde jedoch zum ersten Mal ein Tief über dem Mittelmeerraum von der amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA als tropischer Sturm klassifiziert. Tropischer Sturm "01M" ist der Name dieses Tiefs.

Klassische Tiefdruckgebiete der mittleren Breiten entstehen durch Aufeinandertreffen von warmen und kalten Luftmassen. Tropenstürme hingegen entstehen über warmem Wasser in den Tropen oder Subtropen aus sich intensivierenden Gewitterclustern, die durch die Corioliskraft (Ablenkung bei Bewegung eines Körpers verursacht durch die Erdrotation) in Rotation versetzt werden. Durch die Rotation erhalten sie ihre typische Spiralform. Ihre Energie beziehen Tropenstürme aus der in den Gewittern frei werdenden Kondensationswärme. Sie haben deshalb auch keine Fronten und einen warmen Kern. Eine weitere Voraussetzung für einen Tropensturm ist eine geschlossene Bodenwindzirkulation um den Tiefkern, in der mittlere Windgeschwindigkeiten zwischen 63 und 117 km/h auftreten. Früher ging man davon aus, dass die Entwicklung tropischer Zyklone im Mittelmeer nicht möglich wäre, da die vorherrschenden Wassertemperaturen zu niedrig seien. Man nahm an, dass eine Wassertemperatur von über 26,5 °C nötig wäre, um die entsprechende Menge an Wasserdampf zu verdunsten, die dann die Energie für ein stärkeres Tief liefert. Doch heute weiß man, dass vielmehr der Temperaturgegensatz zwischen der Wasseroberfläche und höheren Luftschichten entscheidend ist. Dieser Gegensatz ist im Mittelmeerraum im Herbst und im Winter besonders groß.

Die Entstehung unseres tropischen Tiefs begann am vergangenen Donnerstag mit einem Kaltluftvorstoß ins westliche Mittelmeer. Dort bildete sich ein Tief, das für starke Niederschläge mit Überschwemmungen in Südfrankreich, Ligurien, Piemont, Aosta und in der Südschweiz sorgte. Eingekeilt zwischen dem Azorenhoch und einem kräftigen Osteuropahoch blieb dieses Tief nahezu stationär, wodurch in den betroffenen Gebieten enorme Summen an Regen zusammenkamen. Zum Teil fielen über 300 mm innerhalb von 48 Stunden. Über dem noch etwa 20 °C warmen Meerwasser bildeten sich dann kräftige Gewittercluster. Das Tief verstärkte sich, verlor seine Fronten und bildete einen warmen Kern. Es wandelte sich mehr und mehr zu einem tropischen Sturm um. So konnten in der Nacht zum Dienstag Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 122 km/h gemessen werden.

So sehr außergewöhnlich ist dieses Phänomen jedoch nicht. Solche tropensturmähnlichen Tiefdruckgebiete bilden sich alle paar Jahre mal über dem Mittelmeer. Jedoch wurden diese bisher als Subtropenstürme bezeichnet.

"01M" hat sich bereits stark abgeschwächt, sodass die Gewitteraktivität nahezu zum Erliegen gekommen ist. Bis zum Samstag wird sich das Tief dann fast vollständig aufgelöst haben.

Dipl.-Met. Christian Herold
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 09.11.2011

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