16
Nov
2012

CH - 4313 Möhlin

"Dorf der drei Kirchen" nennt sich die Schweizer Gemeinde Möhlin, die zwischen Rheinfelden im Westen und Bad Säckingen im Osten in ein Rheinknie eingebettet ist. Dabei liegt der 794 erstmals erwähnte Ort nicht direkt am Rhein. Er befindet sich vielmehr auf der Nordseite der östlichen Ausläufer des Schweizer Juras. Und diese Ausläufer sind der Grund dafür, dass die Fastnachtshochburg für meteorologisch Interessierte ein besonderes Schmankerl zu bieten hat: den Möhlin-Jet.

Die richtigen Zutaten für den Möhlin-Jet liefern die Flüsse Aare und Rhein mit ihren Tälern auf der einen Seite und die großen Gebirgszüge der Region auf der anderen Seite. Namentlich sind dies die Alpen und das Juragebirge in der Schweiz sowie die südlichen Ausläufer des Schwarzwaldes in Deutschland.

Zwischen Alpen und Jura liegt das teils flache, meist jedoch hügelige Schweizer Mittelland. Es bildet das großflächige Einzugsgebiet der Aare, die im schweizerischen Koblenz (nennt man das dort Schweizer Eck?) in den Rhein mündet. Besonders im Winter sammelt sich bei hohem Luftdruck im Schweizer Mittelland kalte Luft. Diese strömt - mehr oder weniger dem Flusslauf folgend - nach Nordosten. Am nordöstlichsten Punkt des Mittellandes, der Aaremündung, versucht die kalte Luft dann, sich ins Rheintal zu zwängen.

Das klappt aber nicht wirklich gut, und so staut sich die Luft im Mittelland wie in einer riesigen Badewanne. Und irgendwann läuft die Wanne über. Wo? Am Schweizer Jura, der nördlichen Begrenzung des Mittellandes. Sie wird in nordöstlicher Richtung immer flacher - mit der Folge, dass der Kaltluftsee im Mittelland irgendwann höher ist als seine nördliche Begrenzung. Die Kaltluft beginnt dann, auch den Jura und damit den Ort Möhlin zu überströmen. Und diese Luftströmung bezeichnet man klassischer Weise als Möhlin-Jet.

Es gibt für die Luft also zwei gleichermaßen unbequeme "Fluchtwege" aus der Schweiz - den über die Aaremündung und den über die Jurahöhen.

Auf dem Weg durch die Flusstäler herrscht Staugefahr. Zwischen dem Eggberg, einem der südlichsten Ausläufer des Schwarzwaldes bei Bad Säckingen, und dem Jura auf Schweizer Seite muss sich die Luft hindurchpressen. Das führt zu höheren Windgeschwindigkeiten und Turbulenz, was in letzter Konsequenz weiter westlich auch Nebelauflösung bedeutet. Der Weg über die Berge ist da vielleicht etwas bequemer. Hier setzen aber beim Einströmen ins Rheintal Föhneffekte ein. Sie sorgen ebenfalls für höhere Windgeschwindigkeiten, was die Bezeichnung "Jet" erklärt. Die Föhneffekte sorgen aber auch für ein Austrocknen der Luft - sozusagen der zweite "Nebelkiller-Effekt".

Die Abbildung unter "Thema des Tages" -> [mehr] zeigt die entsprechende Situation am vorgestrigen Mittwoch um 11 Uhr. Die Windgeschwindigkeit an der Station Möhlin übersteigt die der Umgebungsstationen deutlich - das ist der Möhlin-Jet. Sie liegt sogar höher als an den Bergstationen der Region. Dabei sind die gräulich-weißen Bereiche in der Grafik Nebelgebiete. Sonnig sind die Alpen (unten rechts) und die Hochlagen des Schwarzwaldes. Sonnig ist aber auch das Rheintal zwischen Möhlin und Basel - ein Effekt des Möhlin-Jets. Östlich von Möhlin dagegen Nebelsuppe bis zum Bodensee.

Ergänzend noch ein hydrologischer Aspekt, der viele überraschen dürfte: Bei Koblenz (CH) führt die Aare im Mittel mehr Wasser als der Rhein. Mithin ist der Rhein ein Nebenfluss der Aare, und in Deutschland müsste eigentlich so mancher Name und so mancher Ausdruck geändert werden. Kennen Sie die Bundesländer Aareland-Pfalz und Nordaare-Westfalen? Und Wagners Opern-Klassiker Aaregold? Ein Farbenfrohes Spektakel ist immer wieder "Aare im Flammen", und wer es ruhiger mag, wandert auf dem Aaresteig.

Man kann die Namensspielerei natürlich beliebig weiter treiben. Und auch Kunst und Literatur kämen nicht ungeschoren davon. Aber mit etwas Kreativität ließen sich auch dort Lösungen finden, beispielsweise für "Die Wacht am Rhein":

Lieb' Vaterland, die Ruh' bewahre, fest steht die Wacht - an uns'rer Aare!

Dipl.-Met. Martin Jonas
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 16.11.2012

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