21
Nov
2013

Hoch vs. Tief - quo vadis Atmosphäre?

Um Missverständnissen, die sich aus der Überschrift möglicherweise ergeben, gleich mal vorzubeugen: Die Atmosphäre, also die erdumspannende, für die Menschheit und das Leben auf der Erde existenzielle Lufthülle, geht nirgendwo hin, sie bleibt uns auch in den nächsten Tagen, Monaten und Jahren erhalten. So viel vorab. Die Fragestellung bezieht sich eher auf die meteorologischen Rahmenbedingungen in der Atmosphäre, die unser derzeitiges und auch zukünftiges Wetter bestimmen. Oder um es auf den Punkt zu bringen - es geht um die Wettervorhersage für die nächsten Tage.

Bereits am gestrigen Mittwoch wurde an dieser Stelle über den Wintereinbruch "light" berichtet, und in dieser Facon geht es auch erst einmal weiter. Hauptakteure auf der meteorologischen Bühne sind das Tief QUENTIN, das seinen "Sitz" bis Freitag von Frankreich nach Norditalien bzw. Korsika verlegt, sowie das kräftige Hoch TRAUDE mit Schwerpunkt west-nordwestlich von Irland. Deutschland befindet sich nun quasi zwischen diesen beiden Druckgebilden in einer östlichen Grundströmung, mit der - man höre und staune - nicht bannig kalte und trockene, sondern vielmehr mäßig kalte und ziemlich feuchte, gern als "nasskalt" bezeichnete Luft herantransportiert wird. Wie sagte einst Vattern schon: Junge, wenn der Wind aus Osten weht, dann wird es im Sommer trocken und warm, im Winter trocken und kalt. Nun, diese Faustregel, die durchaus auch der landläufigen Meinung entspricht, entbehrt sicherlich nicht eines gewissen Wahrheitsgehaltes. Gleichwohl, ganz so einfach funktioniert die Natur dann doch nicht, und man findet genügend Beispiele in den Wetterchroniken, die diese Aussage widerlegen.

Die Antwort auf die Frage, warum aktuell nicht wirklich kalte Luft von Osten her bei uns ankommt, ist eigentlich schnell beantwortet: Es ist schlichtweg nicht kalt im Osten. Zum einen liegt das sicherlich daran, dass wir im Herbst und noch nicht im Winter sind (was der Ostwind in den Übergangsjahreszeiten bringt, sind uns die Altvorderen mehr oder weniger schuldig geblieben). Wichtiger scheint aber die Tatsache, dass die Luftmasse, die sich derzeit im östlichen Mitteleuropa und auch im nahen Osteuropa befindet, ursprünglich aus dem mediterranen Raum stammt. Und dass das Mittelmeer kein Eismeer ist, dürfte allgemein bekannt sein. Kurzum, die Temperaturen östlich unseres Hoheitsgebietes sind alles andere als frostig, was folgendes Beispiel eindrucksvoll unterstreicht: Die nächtlichen Tiefstwerte von Mittwoch zu Donnerstag lagen in den Gebieten zwischen dem Karpatenbogen in Rumänien bis hoch zum Finnischen Meerbusen bei satten 4 bis 9 Grad plus - Winter sieht anders aus. Den gibt es derzeit vor allem in großen Teilen Skandinaviens, wo es in den Nächten punktuell schon mal auf Werte unter -20 Grad abkühlt.

Aber zurück zu unseren Gefilden. Vom heutigen Donnerstag bis in den Samstag hinein ändert sich an der beschriebenen Druckkonstellation relativ wenig. Das heißt, dass von Osten bzw. Nordosten her immer wieder feuchte und sagen wir mal mäßig kalte Luft (Tageshöchstwerte im Tiefland meist zwischen 2 und 8 Grad) zu uns gesteuert wird, die summa summarum für ein graues und somit "november-affines" Ambiente sorgen. Dichte Wolken, teils auch Nebel, dazu zeit- und gebietsweise Regen oder Nieselregen. Die Schneefallgrenze entpuppt sich dabei als ziemlich variabel. Sie liegt anfangs zwischen rund 300 m im Südwesten und 800 m im Osten, steigt bis zum Samstag aber etwas an, weil in höheren Luftschichten von Osten her noch etwas wärme Luft eingemischt wird. Chancen auf etwas Sonne sind am ehesten im Norden, vornehmlich Richtung Nordsee, sowie zwischen Alpenrand und Böhmerwald gegeben. Wie man also leicht sieht, beschränken sich winterliche Prozesse im Wesentlichen auf das Bergland, was aber nicht ausschließt, dass sich weiter unten auch mal ein paar Flocken verirren können oder es nicht auch mal durch gefrierende Nässe oder Reif glatt werden kann.

Im Laufe des Sonntags sowie zu Beginn der kommenden Woche tut sich dann aber etwas in der Atmosphäre, womit wir wieder bei den Hochs und Tiefs wären. Der zählebige QUENTIN verlagert sich allmählich Richtung Süditalien und später nach Griechenland. Mit Hilfe einer Tiefneubildung unweit des Schwarzen Meeres baut sich eine mehrere tausend Kilometer lange Tiefdruckzone auf, die vom östlichen Mittelmeer bis hoch zur Barentssee (einem Teil des europäischen Nordpolarmeeres) reicht. Als Antipode dazu plustert sich das Hoch TRAUDE über dem nahen Ostatlantik mächtig auf, will heißen, es intensiviert sich und dehnt sich ebenfalls nach Norden aus. Als Konsequenz daraus entsteht zwischen dem hohen und dem tiefen Druck eine lang gestreckte nördliche Strömung, die auf direktem Wege, wie auf einer Autobahn, polare Luftmassen arktischen Ursprungs nach Mitteleuropa respektive Deutschland verfrachtet (siehe dazu auch die Bodenvorhersagekarte für kommenden Sonntag, 12 UTC, rechts unter Thema des Tages auf [mehr] gehen).

Diese Luftmasse hat dann eine andere Qualität als die aktuell wirksame. Zwar werden die niedrigen Temperaturen nicht 1:1 von Nord nach Süd transportiert, vor allem weil die vorgelagerte, derzeit noch relativ! milde, aber mitnichten badetaugliche Nordsee einen wärmenden Effekt auf die Kaltluft ausübt. Trotzdem gehen die Temperaturen allgemein nach unten und die Schneefallgrenze sinkt bis in tiefe Lagen. Viel Schnee wird es zumindest am Wochenanfang aber nicht geben, am ehesten kommen im Stau der Alpen und des Erzgebirges einige Zentimeter, in den Hochlagen der Alpen vielleicht auch ein oder zwei Dezimeter zusammen. Ansonsten kann man davon ausgehen, dass ab Dienstag in weiten Teilen Ost- und Süddeutschlands sowie der Mitte das Thermometer Schwierigkeiten bekommt, tagsüber die neuralgische Gefrierpunktschwelle zu überschreiten. Im Westen und Norden dürfte das allerdings noch gelingen mit Maxima zwischen +1 und +5 Grad, an der Nordsee auch etwas darüber. In den Nächten stellt sich verbreitet leichter, im Süden sowie im Bergland zunehmend auch mäßiger Frost (-5 bis -10 Grad) ein. Über Schneeflächen ist bei längerem Aufklaren punktuell sogar strenger Frost unter -10 Grad drin - ein Hauch von Skandinavien...

Dipl.-Met. Jens Hoffmann
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 21.11.2013

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